Projekte

Ingrid Fichtners grosses Interesse für die anderen Kunstsparten, besonders die Auseinandersetzung mit Neuer Musik und zeitgenössischer bildender Kunst, führt immer wieder zur Zusammenarbeit mit Künstlern in diesen Bereichen.

 

Königsfelder Festspiele 2008

(700 Jahre Königsfelden)

 

ALBRECHT

Ein Königsmord in Habsburg
Mittelalterliche Musik und neue Musik von Alfred Zimmerlin
Premiere Do, 14. August 2008
Klosterkirche Königsfelden
15 weitere Aufführungen bis 6. September 2008

 

Vokalensemble Zürich

Konzertante Voraufführung im Rahmen des Tonkünstlerfestes 2008
fra l'altro
24. Mai 2008, 23.30 Uhr
Kirche Bondo, Bergell

 

ZEITEINKNISTERN und

Text:
Musik:
Ingrid Fichtner
Katharina Klement (Klavier, Zuspielungen)
Marianne Schuppe (Stimme, Textbearbeitung)
Daniel Studer (Kontrabass)

Uraufführung: Wien, 2003

Der ungewöhnliche Arbeitsansatz in diesem Projekt, dass Text nicht Vorlage für eine Komposition, sondern gleichwertiger, gleichzeitig entstehender Teil, Stimme in einer Partitur sein sollte, in der aber auch Raum für Improvisation gegeben sein musste, war eine besondere Herausforderung, erforderte nicht zuletzt ein Erforschen und Ausschöpfen derjenigen musikalischen Elemente von Sprache, die ermöglichen, dass weder der Text noch die Musik zur Illustration des jeweils andern reduziert, sondern dass sie vielmehr zu gegenseitiger Bedingung werden bzw. wurden.

 

(Auszug)

... wo              bin ich?                         Ach,                ist da nicht                doch? …

… ein Murmeln?                     Horch!             

Ins Dunkel                                                       als käm' es

von weither               

ein Tappen                  Träumen                      Lippen            träumen sich : Lippen (immer dichter

ein Gewimmel            locken Seelen?)            Schwemmen sich

Schatten                     Trommeln                   (Murmeln?)                  –––     

Springt?                                          :                            Hebt sich

ein                   Wind                ?            Horch!             … …     ein

      ein            Pochen                  Tropfen                       Trommeln                   Rauschen        :

Kaskaden!!                                                 Als löschte es            –––

ein einziges Geflüster                    

Zischen                       Zischeln     :    Hebt sich ein Wind?            Sch                  sch          :

was huscht?              (…als wär's zu haschen!?)                  Zwischen den Schatten                    

       ein                pst!                  ein erstes            ts                     wohin …

 

Echo

Drei Briefe in Fragmenten

(zum Panoramabild Fragment | Echo von Jörg Niederberger ausgestellt im Salzmagazin Stans, 2004/2005)

 

(Ausschnitt)

... oder war im Anfang das Meer zitronengelb? Oder noch heller? - Hellgelb lag es vor mir, und ich musste Meer denken, und still hingebreitet, oder grad erst leise aus einem Weiss mit hellgrünem Untergrund geholt und aufgespannt. Ein Vorgeschmack? Das war mein nächster Gedanke, und ich war plötzlich an eine Notiz erinnert, vor Jahren hab ich sie festgehalten: «Gelb, in grobem Gespinst am Boden ...» Worauf sofort Schnürboden aufblitzte, in meinem Köpfchen, in meinen Ohren, nur passte natürlich weder «Schnürboden» noch «grobes» Gespinst zu dem, was da vor mir lag. Grob wäre das Gegenteil von dem, was vor mir lag, nicht mal die Leinwand, die Leinwände, das Leinen - die Leinen - könnte man als grob bezeichnen; fein, nah an - kurz nach? - einer Durchsichtigkeit schien alles mir, und wohl auch aus diesem Grund, auf diesem Grund, hakte «Gespinst» sich fest, in meinem Köpfchen.

Vielleicht muss ich doch mit «am Boden» beginnen, mit «am Boden, aufgespannt»: die achtzehn Leinwände, jede mehr als drei Meter mal mehr als zwei Meter (du siehst, ich komme vom Meer nicht los, nicht weg!), gut vertäut, die Leinwände, die Taue schon nur Schnüre (deshalb «Schnürboden», der anderes bezeichnet, aber auf die Dramatik, die ich immer involviert sehe in Arbeiten von Jörg Niederberger, werde ich noch zurück kommen), zwischen Schnüren also die Leinwände und doch schienen sie zugleich zu schweben, schwerelos, hellgelb in ein riesiges Spinnennetz gehängt, verhakt, genagelt. «Zwischen Gespinsten» - auch das hätte ich als Einleitung über meine Zeilen setzen können! - oder auch «aus der Helle eines Himmels gespiegelt», immens, so immens ist, was da vor mir lag.
Zwischen den Seilen schien ein enteilendes Gelb zu leuchten, flach, kaum angefangen, noch wenig festgelegt, fast als wäre es nicht wahr, würde in seiner stillen Wachheit nicht bleiben. - Ein Vorklang? Wie viele Schichten es brauchen würde, Schicht auf Schicht auf Schicht, wie viele Schichten, die wieder verschwinden würden, verschwinden müssten und doch notwendig waren: aus einem Vorwissen, aus wessen Vorwissen?
Du fragst, wie ich auf diese Frage komme? Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass ich den Maler begleite, begleiten darf, eine Zeit lang, eine Zeit hindurch, in der ein Werk entsteht, es ist nicht das erste Mal, dass mir der Blick in seine Werkstatt gewährt wird. Oder sollte ich einfach (in mich gekehrt) sagen, dass Farbe hier (... in mich gekehrt ...) wird? Vor meinen Augen. Das Kehren, du liest es - du hörst es? - beschäftigt mich. Und das Schauen. Das Sehen. Die Farben. Nur Farben. Ohne Geschichte?

 

NACH NEIDHART: WINTER SOMMER

Mädchenlieder; Kompositionen von Alfred Zimmerlin (2000)

Und drüber

der Ton der Glocken-
schlag ein Mittag
oder höher und
dass Fenster bersten
... vom Stampfen der Mädchen drüben … der vielen ...
einer hat's noch im Ohr
singt's
von allen Wiesen her
und vor dem Wald
das Stampfen das Mädchen ...
tanzt

Wörter
als kämen sie von einem
und weiter
vor alle Wiesen: Mai
ein heller
Schleier. Silbrig fast
die Linden; die Stimmen
weisse ... Bändel
um die Mitte das Mädchen
genommen das Lachen ... schöner
nie ein Blüh'n  ... so züngeln

Augen Zügel Mittag
und höher der Flügel-
schlag die Trommel «einer
der Trübsal vertreiben kann»
ein heller
Ton
oder Mut
oder höchste
Zeit dass
ein Mädchen
das andere

 

Ausgangspunkt für diese Zusammenarbeit war ein Kompositionsauftrag, den Alfred Zimmerlin von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetiabekommen hatte, ein Werk für das Festival «Jadal» 2001 – einer Begegnung zwischen europäischen und arabischen Komponisten – zu schreiben.
Ausgehend von Texten des Minnesängers Neidhart von Reuental, auf die Ingrid Fichtner mit neuen Texten reagierte, entstanden Kompositionen für Sopran, vier Renaissance-Blockflöten sowie Zuspiel-CD
Diesen Ansatz bauten Ingrid Fichtner und Alfred Zimmerlin unabhängig davon weiter aus zu einer Performance, in der Monolog und Dialog wie in herkömmlichen Minneliedern abwechseln. Gespiegelt wird dies im Nebeneinander, Miteinander oder auch einem Auseinanderlaufen von Dichterstimme und Klang des Cello, bzw. Stimme des Komponisten und eines Zuspielbandes.
Wie beim Spiel und Tanz im Mittelalter strukturieren Wiederholungen, Doppelungen, Spiegelungen, Parallelismen die Gedichte und  ihre Umsetzung in Musik – bzw. Klang – sowie die Performance insgesamt.

Aufführungen in Zürich, Biel, Aarau